Gewiss waren die antisemitischen Ausschreitungen rund um den 9. und 10. November 1938 in Deutschland eine bis dato unerreichte Form der proklamierten und publizierten anti-jüdischen Stimmung. Was in den heutigen Geschichtsbüchern meist Pogromnacht genannt wird, umschreibt eine deutschlandweite Welle antisemitischer Gewaltausbrüche. Hunderte Synagogen wurden zerstört und angezündet, jüdische Geschäfte geplündert und ebenfalls zerstört. Dutzende Jüdinnen und Juden wurden geschlagen, verschleppt und getötet. Die begeisterte und teilnehmende Menge Deutscher Bürger zeigte, wozu sie später noch fähig sein würde. Der traurige Höhepunkt Deutscher Mordphantasien war erst mit dem Vernichtungslager Auschwitz und einer komplexen Infrastruktur, welche einzig dem Zweck diente, die Jüdinnen und Juden Europas zu vernichten, erreicht. 6 Mio. Menschen fanden so ihren Tod.
Im folgenden Text wollen wir versuchen uns dem Phänomen des Antisemitismus zu nähern, die Verbreitung in Deutschland zu beschreiben um schließlich einen Beitrag zur Aufklärung zu liefern.

Denk ich an Deutschland in der Nacht…

Aktuelle Studien über politische Einstellungen der Deutschen Bevölkerung zeigen, dass sich auch weiterhin ein nicht zu unterschätzender Anteil der Befragten (>10%) gegenüber antisemitischen Inhalten offen zeigt.1 Der Einfluss jüdischer Menschen auf die Gesellschaft wird hier massiv überbewertet, es ergibt sich das Muster einer im Hintergrund agierenden jüdischen Verschwörung oder Geheimmacht. Jüdinnen und Juden wird die Gleichwertigkeit mit anderen Deutschen Bürgern abgesprochen, typische und traditionelle antisemitische Klischees wie etwa Gier, List und Gaunertum werden mit jüdischen Menschen in Verbindung gesetzt. Besondere Verbreitung findet die These, dass die Juden auf Grund ihres Verhaltens an ihren Verfolgungen selbst schuld seien. Dabei bezieht sich dies einerseits auf eine angebliche Ausnutzung des Holocaust für eigene Interessen, sowie die Bewertung der Politik des Staates Israels, welcher ohne Beachtung nationaler Zugehörigkeiten mit Jüdinnen und Juden auf aller Welt in Zusammenhang gebracht wird. Die aufgezeigten Einstellungen und Meinungen sind seit dem Bestehen der Bundesrepublik konstant hoch. Auf dem Boden eines solchen Klimas gedeihen selbstverständlich auch antisemitische Aktivitäten wie Anschläge auf jüdische Einrichtungen so z.B. die zum Glück vereitelten Pläne gegen das jüdische Gemeindezentrum in München, Schändungen von Synagogen und jüdischen Friedhöfen (z.B. dieses Jahr in Berlin), sowie auch Angriffe auf Jüdinnen und Juden, beispielsweise wurde erst vergangene Woche ein Rabiner und dessen Schüler in Berlin durch 2 Personen beleidigt und genötigt. Auch Politik und Kultur zeigen sich immer wieder als beste Verbündete ihrer völkischen Basis. So beklagte der Schriftsteller Martin Walser 1998 während einer Rede in der Frankfurter Paulskirche, dass der Holocaust von bestimmten Menschen instrumentalisiert werden würde. Walser erhielt damals nicht nur eine große Zustimmung in der Bevölkerung, auch andere Prominente schlossen sich seiner „Kritik“ an. Im wiedervereinigten und wiedererstarkten Deutschland sind immer öfter Rufe, nach dem Ende der „Überpräsentation jüdischer Opfer“ (Erika Steinbach) oder die perfide Umdeutung Deutscher Täter zu Opfern von Krieg und Terror, zu hören. Der ehemalige CDU Politiker Martin Hohmann sprach davon, dass Juden auch als „Tätervolk“ bezeichnet werden müssten, ebenso wendete sich Hohmann wie auch andere Politiker gegen den Bau des Holocaustmahnmal in Berlin. Der FDP Politiker Jürgen Möllemann verbreitete einige Jahre später hingegen eine unerträgliche anti-israelische Stimmung. Er unterstützte Ansichten welche die israelische Politik mit der von NS Deutschland gleichsetzten, weiterhin warf er dem jüdischen Journalisten Michel Friedmann und dem ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon vor, der Verbreitung des Antisemitismus Vortrieb zu leisten. In all diesen Aussagen stecken z.T. alte aber auch neuere antisemitische Denkmuster, zu Letzt etwa die These, die Juden seien selbst schuld am Antisemitismus.

Exkurs: Was ist Antisemitismus

Der Antisemit hasst die Juden, weil sie Juden sind, ungeachtet ihrer Handlungen. Es werden dem Juden mit Beliebigkeit Eigenschaften, Absichten, Handlungen zugeordnet, die mit realer jüdischer Existenz nichts, wenig oder nur Missverstandenem zu tun haben. Es beginnt mit der diffamierenden Unterstellung, geht zur Beleidigung des/r Einzelnen und Diskriminierung von Gruppen über und findet in der Gewalt gegen die Gesamtheit der Juden seinen traurigen Höhepunkt. Antisemitische Stereotype werden durch Sprache, einerseits offen z.B. durch den Ausdruck „Die Juden sind schuld an unserem Unglück“ und andererseits verdeckt, durch antisemitische Codes wie etwa „Deutsche Qualitätsarbeit“ vermittelt. Im letzteren Bild steckt die im nationalsozialistisch geprägten Deutschland weit verbreitete Ansicht, „dass die Juden körperliche Arbeit scheuen würden“. Auch populäre deutsche Vorstellungen über Volk und Nation wurden stets in Abgrenzung zu einem konstruierten jüdischen Kollektiv gedacht. Juden galten als Volksschädlinge und „Zersetzer“. Der Verbreitung antisemitischer Stereotype verhalfen Bilder und Karrikaturen, diese zeigten Juden stets in Anlehnung an die bestehenden Vorurteile. Auch heute finden antisemitische Karikaturen weite Verwendung, etwa in den arabischen Staaten. Antisemitismus funktioniert als hermetisches System. Dem entspricht die Argumentationsstrategie, der Unterstellung und Behauptung von Tatsachen, deren Unbeweisbarkeit als Beweis dargestellt werden. An sachlicher Erörterung besteht kein Interesse, die antisemitische Argumentation bleibt intellektuell und emotional unerreichbar für Beweise und logische Argumente. Der Antisemit weiß was, er glaubt und nimmt Gegenargumente als Beweis für seine Glaubensinhalte. Es sind nicht die Juden, die das Problem darstellen. Sie sind vielmehr ständige Projektionsfläche für soziale Komplexe und Ängste sowie Frustration. Sie dienen für patriotische Zwecke zur Stabilisierung, zur Erklärung krisenhafter Erscheinungen, zur Zuweisung von Schuld. Diese Erkenntnis hilft verstehen das Antisemitismus häufig nur stellvertretend ausgeübt wird und die Judenfeindschaft zuerst und vor allem ein Symptom für Probleme der Mehrheitsgesellschaft ist.

Formen des Antisemitismus

Religiöser Antisemitismus
Die älteste Form anti-jüdischer Einstellungen ist der christlich geprägte Anti-Judaismus. Dieser fand weite Verbreitung im christlichen Europa. Juden wurden als Gottesmörder kompromittiert. Ihnen wurde Hostienfrevel und Ritualmorde vorgeworfen. Mit der Unterstellung der Brunnenvergiftung wurden sie auch für die Pestepedemien im 14. Jh verantwortlich gemacht. Anti-jüdische Pogrome und Ausschreitungen waren nicht selten Folge dieser Zuweisungen

Politischer Antisemitismus
Dieser Typ ist mit dem Verweis auf die soziale und wirtschaftliche Bedeutung der Juden eng verknüpft. Danach gelten die, als homogenes Kollektiv gedachten Juden, als einflussreiche soziale Gruppe, die sich in politischer Macht zu gemeinsamen Handeln zusammenschlössen. In diesem Zusammenhang sind zum Beispiel die „Protokolle der Weisen von Zion“ zu nennen. Welche auch noch heute große Resonanz in der arabischen Welt erzielen, um mit ihnen eine Weltverschwörung der Juden in Israel gegen die arabische Welt zu belegen.

Sekundäre Antisemitismus
Die deutsche Geschichte eröffnet eine antisemitische Kontinuität vor und nach Auschwitz. Sekundärer Antisemitismus bedient dabei das Bedürfnis nach Erinnerungsabwehr und Entlastung von Scham und Schuld. Aber es scheinen in ihm auch die Motive des alten christlichen Anti-judaismus und des primären, rassistischen Antisemitismus. Nach dieser Logik erinnerten “Die Juden” schon allein durch ihre Existenz an das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte, an Auschwitz, und verhindern auf diese Weise die von vielen Deutschen erstrebte geschichtsrevisionistische “Normalisierung” der Vergangen-heit. Eine Identifikation mit der deutschen Nation bleibt ihnen so angeblich verwährt. Der israelische Psycho-analytiker Zwi Rix beschrieb dieses Phänomen treffend mit dem Satz: “Auschwitz werden die Deutschen uns nie verzeihen”

Sozialer Antisemitismus
Hierbei spielt ein besonders eingebildeter und vor allem künstlich generierter sozialer Staus der Juden eine große Rolle. Durch die eingeschränkte Berufswahl drängte man in der Vergangenheit viele Juden von der beruflichen Sphäre der Produktion in die des Handels. Später erschien hier die jüdische Präsenz als dominant. Auf Grundlage dieser Entwicklung, wurden dann in Krisenzeiten besonders schnell ie Schuldigen in den Juden als An- und Verkäufern gesehen. Es entwickelten sich die noch heute häufig auftretenden Assoziationsmuster der jüdischen Dominanz im Handels- und Finanzsektor mit der prekären Situation der Arbeiter. Diese Muster finden sich zum Beispiel auch in dem Argument, dass die USA Israel nur unterstützen würden, weil die Juden dort so viel Einfluss hätten.

Rassistischer Antisemitismus
Diese Variante bildet sich im Kontext des Rassismus im 19.Jahrhundert heraus. Ihre Besonderheit besteht darin, dass sie die Juden von Natur aus negativ bewertet. Die Juden können dabei an ihrer Zugehörigkeit, ob assimilert oder nicht-assimilert, nichts ändern und waren damit der Massenvernichtung im Nationalsozialismus gnadenlos ausgeliefert gewesen.

Antisemitismus ohne Juden?

Geldgierige Manager, Bilder von Blut-saugenden Heuschrecken, Forderungen nach der Verhaftung von Bankvorständen, das sind einige der Reaktionen auf die weltweite Krise des Finanzsektors. Schuldige werden gesucht, Menschen also, die für Privat- und Unternehmenskonkurse sowie Rezension verantwortlich sein sollen. Ein Verständnis des Kapitalismus, welches dessen destruktive Auswirkungen auf Menschen und Umwelt einer Personengruppe oder einzelnen Institutionen zuschreibt, ist dabei nicht neu. Bei genauerer Betrachtung stößt man unweigerlich auf Parallelen zu typischen antisemitischen Denk- und Argumentationsmustern. Juden galten als Volks- und Kulturzersetzer, dargestellt wurden sie oft als Blutsauger, als heimatlose Gesellen die von Land zu Land ziehen, um (angeblich) intakte, biologisch gewachsene Völker zu zerstören. Denkt man an die Darstellung von Hegdefonds als Heuschrecken oder ausländische Unternehmen als Schädlinge für den heimischen Standort, wird schnell klar wie nahe diese Bilder am Antisemitismus sind. Gedacht wird eine Unterteilung in eine gute, meist heimische und eine schlechte, meist ausländische Wirtschaft. Typisch für den traditionellen Antisemitismus ist die Trennung von Produktiv- und Finanzkapital. Während ersteres als „schaffend“ angesehen wird, schrieben Antisemiten vor allem das nach ihrem Verständnis „raffende“ Finanzkapital den Juden zu. Beiden Analysen liegt eine völlig verzerrte Funktionsweise des Kapitalismus zu Grunde. Nicht etwa die dem System zu Grunde liegende Logik, Mehrwert und Rendite zu schöpfen, sondern persönliche Gier und Lust an Bereicherung stehen im Zentrum der Kritik.
Wer Manager und Bankvorstände als die Schuldigen betrachtet, missversteht nicht nur die Komplexität des Ganzen, sondern bedient sich dabei bewusst oder unbewusst antisemitischen Denken.

Es gilt dem Antisemitismus, als einem Phänomen aller gesellschaftlicher Schichten mit Entschlossenheit entgegenzutreten!